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Karl Théodor Goldschmid
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Von der Schweiz zur Mitte der Welt

Auszug aus dem Buch:

'Von den Anden in das Amazonasgebiet Ecuadors': Tagebuch eines Forschers, 1939 - 1946

Wir schrieben das Jahr 1939. Der Zweite Weltkrieg war bereits ausgebrochen, als wir unsere Reise nach Ecuador antraten. Im Oktober reisten meine Eltern Karl Theodor und Leoni und ich, damals knapp sieben Jahre alt, mit dem Zug den Rhein entlang von Zürich nach Holland. Verdunkelung, häufige Kontrollen und Lebensmittelrationierung kündigten die großen Veränderungen in Europa schon an.  

Wir verließen Rotterdam an Bord der S.S. Costa Rica. Durch den sturmgepeitschten Ärmelkanal, vorbei am Golf von Bizcaya, erreichten wir die Insel Madeira, wo sowohl das meteorologische als auch das politische Klima etwas freundlicher waren. Erst dann berichtete uns der Kapitän, dass er während der Fahrt dreimal schwimmende Minen entdeckt hatte. Und wie viele weitere waren ihm wohl entgangen? Später wurde die S.S. Costa Rica von der englischen Regierung für militärische Zwecke requiriert und versank 1941 bei der Evakuierung alliierter Truppen von Griechenland nach Ägypten.   

Auf unserer Reise liefen wir weitere Häfen an: Barbados, wo keine Fotoapparate an Land genommen werden durften; Trinidad, La Guaira, in Venezuela, mit einem kurzen Abstecher nach Caracas, um Freunde zu besuchen, Colón in Panama. Dort wechselten wir an Bord der  Santa Maria der Reederei Grace Line. Die Reise führte weiter durch den Panamakanal nach Buenaventura in Kolumbien und dann bis nach Guayaquil in Ecuador.

Es war Ende November. Die Hitze in Guayaquil war so unerträglich, dass wir nur kurz blieben, um die Einwanderungsformalitäten zu erledigen und die Schweizer Vertretung zu besuchen. 

Die Reise nach Quito, die Hauptstadt Ecuadors, war besonders interessant und abwechslungsreich. Im Morgengrauen ging es nach Duran auf dem anderen Flussufer von Guayaquil. Die Eisenbahn brachte uns bis Cajabamba, wo ein Auto die Reise nach Quito verkürzte. 

Die Zugfahrt führte zuerst durch tropisches Gebiet mit kleinen, sehr armen Dörfern und durch Bananen-, Zuckerrohr-, Kakao- und Kaffeeplantagen. Langbeinige, weiße Reiher verschönerten die tiefgrüne Landschaft. Plötzlich wurde die Umgebung rauher, aber auch romantischer. Wir fuhren an reißenden Bächen, hohen Felsen, krummen, alten Bäumen vorbei bis nach Sibambe, wichtiger Eisenbahnknotenpunkt, wo ein Gewirr von Händlern allerlei Waren zum Kauf anbot und unzählige kleine Essensstände sich um die Verpflegung der Reisenden kümmerten. 

Die Bahn keuchte bei ihrem Zickzackaufstieg zur „Nariz del Diablo“ (Teufelsnase) oberhalb von Sibambe. Dieser Aufstieg war nur mit beeindruckenden Vor- und Rückwärtsmanövern der Lokomotive zu bewältigen, die manchmal schob und dann wieder zog. All das benötigte natürlich seine Zeit, aber für uns Reisende war es ein unvergessliches Erlebnis. 

Nach der „Nariz del Diablo“ ging es zügig weiter nach Cajabamba in der Nähe von Riobamba, einer der bedeutenderen Städte des Hochlands. Dort wartete ein Fahrzeug auf uns. Das Wetter war gut und so konnten wir auf der Fahrt die schneebedeckten Vulkane sehen: den Chimborazo, mit seinen 6267 m. der dritthöchste Berg Lateinamerikas, und den Cotopaxi, 5897 m., in der Nähe von Latacunga. Es war ein einmaliges Erlebnis. Die Fahrt ging schnell und wir erreichten unser Ziel noch am selben Tag. 

Unsere Reise von der Schweiz nach Ecuador fand einen emotionellen Abschluss. Alte Schweizer Freunde aus unserer Zeit in Guatemala erwarteten uns auf der Höhe von Machachi, um uns willkommen zu heißen und uns zur Stadt zu begleiten. Was für ein fröhlicher Empfang!

Quito, am Fuß des Vulkans Pichincha gelegen, verfügte über eine gut erhaltene historische Altstadt mit vielen Kirchen und Klöstern. Die Stadt war ein Schmuckstück. Ihre schätzungsweise 300.000 Einwohner lebten in schönen, im Kolonialstil erbauten Häusern. Die Straßenbahn fuhr von Nord nach Süd und verband die äußeren Punkte der Stadt, die sich langsam in beide Richtungen ausdehnte. 


Von den Anden in das Amazonasgebiet in Ecuador

Das mittlere Gebiet konnte von Quito aus über die Straße nach Latacunga, Ambato, Baños bis Topo erreicht werden. Hier endete die Straße, bis einige Jahre später die Brücke über den Topo-Fluss fertig gestellt wurde und man bis Mera und Shell Mera weiterfahren konnte.

Auszug aus dem Buch:

'Von den Anden in das Amazonasgebiet Ecuadors': Tagebuch eines Forschers, 1939 - 1946

Während des Ecuadoraufenthalts organisierte KTG zehn Urwaldexpeditionen für detaillierte, geologische Untersuchungen und zur Evaluierung potentieller Erdölvorkommen. Das Forschungsgebiet erstreckte sich entlang der östlichen Andenkordillere, die sich durch dichten Urwald und kleine und größere Zuflüsse des Amazonasflusses auszeichnet.  

Ausgehend von Quito kannte man drei Routen, die in das nördliche, mittlere und südliche Gebiet des ecuadorianischen Amazonasbeckens führten

Diese Expeditionen wurden mussten sorgfältig geplant und organisiert werden, da es im Urwald keine befestigten Straßen und kaum Unterkünfte gab und sich die Vorratsbeschaffung als sehr schwierig erwies. Die Urwaldbevölkerung setzte sich aus Indiogemeinden, kleinen Gruppen ecuadorianischer und ausländischer Siedler, religiösen Missionen und entlegenen Militärgarnisonen zusammen. 

Es existierten praktische keine Post-, Funk- oder Telefonverbindungen. Nur selten bot sich die Möglichkeit, Briefe oder Nachrichten an die Familie zu schicken und dann dauerte die Überbringung mehrere Wochen. Mit etwas Glück gelang es manchmal von einem Militärposten aus, per Funk einen Gruß an die Familie zu schicken. 

Die Expeditionen dauerten zwei bis vier Monate. Von Verpflegung über Medikamente, Werkzeug, Instrumente, Zelte, Kochstellen bis zu Ersatzteilen musste alles mitgeführt werden. 

Die Vorbereitung der Expeditionen des Forschungsteams in Bezug auf Logistik und Personal wurde von dem ecuadorianischen Techniker Santiago Baca ausgezeichnet organisiert. Santiago Baca, auch “Shili” genannt, stammte aus dem Gebiet Mendez und Macas, war ein Kenner des Urwalds, dessen Bewohner und deren Sprachen. KTG und Shili haben sich stets gegenseitig respektiert.  

Während der Expeditionen wurden auch mit einfachen Werkzeugen und Methoden kartographische Erhebungen, Messungen und ungefähre Berechnungen durchgeführt, die sehr nützlich waren, da viele dieser Gebiete noch nicht detailliert auf den Landkarten verzeichnet waren. In Quito wurden dann die im Urwald angefertigten Skizzen geordnet. Der bekannte bildende Künstler Jan Schreuder gehörte zum Team der Zeichner. 

Selbst wenn die Reisen stets in drei bestimmte Gebiete führten, variierten sie im Hinblick auf den Zugang in den Urwald, das Endziel und die Rückreise. Für die Anfahrt wurden fast immer Camionetas (Kleinlastwagen)  des Unternehmens benutzt. Hingegen auf der Südroute erfolgte die Anfahrt per Zug oder Schienenbus von Riobamba, da die Straße von Riobamba nach Cuenca noch nicht vollendet war. 

Der Zugang ins nördliche Gebiet am Coca-Fluss begann in Guapulo und lag auf dem Weg, dem der spanische Eroberer Francisco de Orellana 1541 bei seiner berühmten Expedition zum Amazonasfluss und weiter bis nach Brasilien gefolgt war. 1940 gelangte man mit der Camioneta bis Pifo,  wo die Treiber mit Pferden und Lastmaultieren warteten, um die Expedition ins Tiefland von Papallacta und Baeza zu geleiten. 

 



Süd Route

Auszug aus dem Buch:

'Von den Anden in das Amazonasgebiet Ecuadors': Tagebuch eines Forschers, 1939 - 1946

KTG’s Expeditionen begannen über die Südroute im Januar 1940. Ein Jahr danach wurde diese Route ein zweites Mal gewählt. Der Zugang führte durch die Gegend von Paute in der Provinz Azuay und weiter nach Mendez, Macas, Chiriapa und Tunduama zwischen den Flüssen Santiago, Bobonaza und Pastaza. 

Diese erste Annäherung KTGs an das ecuadorianische Amazonasgebiet erforderte gute logistische Planung und umfangreiches Informationsmaterial wie Landkarten, geschichtliche Angaben der Gegend und sogar ein improvisiertes Wörterbuch zur Übersetzung des Spanischen in die Eingeborenensprache “Jivaro”. Santiago Baca bereitete diese Expeditionen vor, mit dem Ziel, alle möglichen Widrigkeiten, die sich mit der Anheuerung von Maultiertreibern und Trägern, der Unterbringung in den Dörfern und dem Bau von Kanus und Flössen ergeben konnten, so gering wie möglich zu halten. Auf dem Weg selbst blieben die Überraschungen jedoch nie aus. 

Die erste Expedition über diese Route begann mit einer Zugfahrt von Quito nach Riobamba und dann von Alausí per „Autocarril“ (Schienenbus) nach El Tambo. Endstation des Eisenbahnnetzes war damals Biblian. Es war der einzige Weg, denn die Straße von Riobamba nach Cuenca war damals noch nicht ganz fertig gestellt. Auf der ersten Forschungsreise wurde zudem die Strecke von El Tambo bis Paute im Lastwagen überwunden. 

Der Abstieg von der kargen Hochebene und den „Paramos“ in den Urwald, die zunehmende Feuchtigkeit, die klimatischen Veränderungen und das schwierige Terrain mit dem vielen Schlamm, der dichten Vegetation, den Schluchten und reißenden Flüssen, motivierten KTG in seinen Feldtagebüchern und Briefen sowie seinen Fotografien zu detaillierten Aufzeichnungen. 

Diese erste Expedition wahrt den Eindruck einer “Entdeckung”, dem Beginn von etwas Neuem. Eine der unvergesslichen Erfahrungen war die erste Begegnung KTGs mit den Eingeborenen, den damals sogenannten Jivaros mit ihren Bräuchen, typischen Speisen und der „Chicha“. Der Respekt, den KTG seit seiner ersten Begegnung mit einem Eingeborenen in der Nähe von Mendez zeigte, blieb unverändert erhalten und ermöglichte es ihm, während seines ganzen Ecuadoraufenthalts gute Beziehungen zu den einzelnen Indiostämmen zu pflegen.




Mittlere Route:

Auszug aus dem Buch:

'Von den Anden in das Amazonasgebiet Ecuadors': Tagebuch eines Forschers, 1939 - 1946

Von 1943 bis 1944 führte KTG drei Expeditionen in das zentrale Amazonasgebiet von Ecuador durch. Die Fahrt begann jeweils im Auto und führte über Ambato und Baños nach Topo, wo der Topo-Fluss auf einer provisorischen Brücke zu Fuß überquert wurde. Am gegenüberliegenden Flussufer ging es im Auto nach Shell Mera weiter. Der Rest der Reise erfolgte mit den urwaldtypischen Transportmitteln, d.h. per Kanu, Floß oder zu Fuß. 

Bei der letzten Reise in dieses Gebiet wurde die Strecke Shell Mera – Quito in einem Flugzeug der Gesellschaft Panagra zurückgelegt. Bei dieser Expedition wurde auch das neu erschlossene Camp Arajuno besucht, in dessen Nähe die erste Erdölbohrung im ecuadorianischen Amazonasgebiet stattfinden sollte. 

Auch auf dieser Route ergaben sich zahlreiche Schwierigkeiten mit dem Transport, Personal, dem schwierigen Terrain, den Flüssen und dem teils extremen Klima. Zum Glück wurde KTG immer von seinem „Expeditionsmarschall” Santiago “Shili” Baca unterstützt. 

Da es auf dem Fluss Yasuni keine Kanus gab, beschloss die Gruppe, einige Boote durch den Wald über Land zu ziehen. Nach drei Tagen harter Arbeit und Überwindung von acht Kilometern konnte die Fahrt auf dem Fluss fortgesetzt werden, schildert KTG in seiner Korrespondenz. 

Bei diesen Expeditionen kamen modernere Kommunikationsinstrumente und Transportmittel zum Einsatz. Die Ausrüstung wurde um ein Funkgerät ergänzt, über das mit der Hauptstadt und den anderen Camps Kontakt gehalten werden sollte. Die Geräte waren damals jedoch noch sehr anfällig. Besonders die Elektronik versagte oft und wegen des großen Energiebedarfs mussten schwere Batterien mitgeführt werden. Bevor das Gerät völlig verstummte, hatte es zwar Meldungen empfangen, selbst aber keine versenden können. Obwohl er der Versuchung nicht nachgab, vermerkte KTG, dass er große Lust hatte, den ganzen Apparat in den Fluss zu werfen. 

Auch kamen die ersten Wasserflugzeuge im Urwald zum Einsatz. Sie dienten vor allem der Versorgung der Camps der Geophysischen Untersuchungsgruppen, die an verschiedenen Orten der Region eingerichtet worden waren. Mit dieser Logistik verbesserte sich die Versendung der Briefe und Berichte nach Quito.  



Nord Route

Auszug aus dem Buch:

'Von den Anden in das Amazonasgebiet Ecuadors': Tagebuch eines Forschers, 1939 - 1946

Von 1940 bis 1946, dem Jahr unserer Abreise aus Ecuador, führte KTG fünf Expeditionen im nördlichen ecuadorianischen Amazonasgebiet durch. 

Diese Strecke, als “Ruta de Orellana” bekannt, begann per Auto in Quito, führte dann über Guapulo nach Pifo, wo die Treiber mit ihren Pferden und Mauleseln warteten. Nach Überwindung der Hochebene begann der Abstieg in den Urwald über Papallacta und Baeza bis zum Coca-Fluss. Von da ab ging die Fahrt im Kanu oder auf dem Floß weiter. 

Die Nordroute hatte für KTG aus verschiedenen Gründen eine besondere Bedeutung. Sie stillte seine Neugier als professioneller Forscher und sein Interesse an der Fotografie und am Andinismus. Während seiner Expedition Ende 1944 - Anfang 1945 untersuchte er das Gebiet um den Vulkan Reventador, der wenige Jahre zuvor ausgebrochen war. Sein Wunsch, diesen fast unbekannten Vulkan zu besteigen, verwirklichte sich am 24. Dezember 1944. Zusammen mit einer kleinen Mitarbeitergruppe, zu der natürlich auch Shili Baca gehörte, erreichte er den Krater. 

Außer dem ecuadorianischen Offizier Luis Telmo Paz y Miño, der den Reventador 1931 bestiegen hatte, war noch niemand auf diesem Berg gewesen. Nicht einmal seine genauen Koordinaten waren bekannt.

Nach der Besteigung des Vulkans Reventador folgte die Expedition dem Fluss Coca, bis sie einen Wasserfall fand, der heute den Namen San Rafael trägt. Jahrzehntelang hatte es keine Reiseberichte oder geographische und fotographische Aufzeichnungen von diesem Naturschauspiel gegeben. Die Indios kannten den Wasserfall, hatten aber keinen besonderen Weg dahin geschaffen. 
 

Die Höhe, Kraft und Schönheit des Wasserfalls San Rafael mitten im Urwald beeindruckten KTG, der sich zwei Tage durch die Vegetation gearbeitet hatte, um genügend Licht für die ersten Farbaufnahmen zu schaffen, die jemals von diesem Wasserfall gemacht wurden. 

Im Rahmen der internationalen Bemühungen zur Förderung von Nationalparks in Ecuador nahm der World Wildlife Fund (WWF) 1968/ 69 über Dr. Paul Schauenberg Kontakt zu KTG auf und bat ihn um die während seiner Expeditionen gesammelten Informationen für das Nationalparkprojekt in diesem Gebiet. Seine Messungen und Skizzen entlang des Coca Flusses hatten zur Korrektur des damals in den Landkarten verzeichneten Flusslaufs gedient. 

Bis 1968 blieb er ausserdem der Einzige, der den Krater des Reventador erreicht hatte. Diese Besteigung und die “Wiederentdeckung” des Wasserfalls San Rafael waren die Höhepunkte der Expeditionen KTGs in Ecuador. WWF schlug daher vor, den Wasserfall nach ihm zu benennen. Dieses Angebot wurde von KTG kategorisch abgelehnt.